
Elisabeth-Norgall-Preisträgerin 2026
Martina Böhmer (D)
Paula e.V.
Beratungsstelle für traumatisierte Frauen im Alter
Mehr oder weniger durch einen glücklichen Zufall fand Martina Böhmer im Alter von 30 Jahren zu Ihrem Traumberuf, der Altenpflege.
Während ihrer langjährigen Tätigkeit in der stationären und ambulanten Altenpflege und als Leiterin einer geriatrischen Rehabilitationsstation eines Krankenhauses stellte sie fest, dass viele ältere Frauen in ihrem früheren Leben traumatischen und belastenden Ereignissen ausgesetzt gewesen waren, wie etwa Kriegserfahrungen, sexualisierter und häuslicher Gewalt oder erzwungener Migration.
Alterstypische Belastungen, wie Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit und der Verlust von körperlicher und kognitiver Selbstständigkeit können die Erinnerungen an frühere Ohnmachtserfahrungen wachrufen.
Was sie dabei auch feststellte, war, dass man oftmals mit sehr einfachen und pragmatischen Mitteln diese für die Frauen belastenden Situationen entschärfen konnte anstatt ihnen Psychopharmaka zu verabreichen, um sie ruhig zu stellen. Dazu musste man allerdings wissen, welche traumatischen Ereignisse ihnen in ihrem früheren Leben zugestoßen waren.
Während ihrer Arbeit in der Altenpflege konnte sie durch Gespräche mit den betroffenen Frauen erfahren, an welchen früheren Traumata diese heute noch litten.
Dieses Thema ließ sie nicht mehr los und so hat Frau Böhmer sich deshalb berufsbegleitend kontinuierlich weiter fortgebildet zur Fachberaterin für Psychotraumatologie, für Alterspsychotherapie und für Gerontologie. Alle diese Fortbildungen dauerten jedes Mal mehrere Jahre.
Seitdem ist sie als Beraterin und Referentin in der Altenhilfe mit Fortbildungen, Vorträgen und Fallsupervisionen tätig. Über mehrere Jahre leitete sie zudem eine Gesprächsgruppe für pflegende Angehörige von Menschen mit der Diagnose Demenz.
Um auch ihre Kollegen als Pflegende dafür zu sensibilisieren, beschloss sie, ihre Erfahrungen aufzuschreiben.
Ihr im Jahr 2000 veröffentlichtes Buch wurde zum bisher einzigen Standardwerk zu diesem Thema und war ein Meilenstein für die Wahrnehmung des Themas in der Öffentlichkeit.
Zitat Martina Böhmer:
„Ich möchte die Lebenssituation und das Wohlbefinden von älteren Frauen durch Traumafachberatung verbessern und sie in aktuellen Gewaltsituationen und/oder Retraumatisierungen unterstützen. Nicht die alten Frauen mit ihren Verhaltensweisen (den Traumafolgen) sind verrückt oder gar dement, sondern sie reagieren auf gewaltige/verrückte Ereignisse in ihren Leben.“
2012 gründete sie zusammen mit zwei Kolleginnen den Verein Paula e.V. in Köln, eine Beratungsstelle für Frauen ab 60 Jahren, die sich dafür einsetzt, dass alte und hochaltrige Frauen ein Leben ohne Gewalt im Alter leben können.
Ein Schwerpunkt der Arbeit des Vereins ist die Sensibilisierung und Wissensvermittlung zum Thema Auswirkungen früherer traumatischer Erfahrungen auf das Leben im Alter. Betroffene können hier Traumafachberatung erhalten. Diese kann in der Beratungsstelle selbst oder auch zuhause bei den Frauen oder in Pflegeeinrichtungen innerhalb von Köln stattfinden. Zusätzlich werden auch Video- oder Telefonberatungen angeboten. Darüber hinaus gibt es auch Beratung für Angehörige von Betroffenen und für Fachpersonal im Gesundheitsbereich, in Frauenberatungsstellen sowie im Altenhilfe- und Pflegesystem.
Seit 2013 ist Frau Böhmer außerdem Projektleiterin verschiedener EU- oder Landes- finanzierter Projekte in NRW.
In den Jahren 2016 und 2017 leitete sie zudem die Landesfachstelle Trauma und Leben im Alter der Regionalstelle Nordrhein.
Mit der Verleihung des diesjährigen Elisabeth-Norgall Preises wollen wir dazu beitragen, das Thema „Traumabewältigung von Frauen im Alter“ mehr publik zu machen und Frau Böhmer für ihre Pionierarbeit auf diesem Gebiet auszeichnen.
