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Elisabeth-Norgall-Preisträgerin 2007

Elena Mereacre

Das Thema Zwangsprostitution stößt leider oft auf Ablehnung und Verständnislosigkeit. "Selbst schuld", denken wahrscheinlich viele. Es ist auch nicht leicht glaubhaft zu machen, dass die heranwachsenden Frauen trotz Naivität und Hoffnung auf ein besseres Leben nicht zumindest eine Ahnung vom Ziel ihrer Reise hatten und sich dann nach der Rückkehr über ihr Schicksal beschweren.

Eine, die diesen Mädchen geglaubt hat und sich zum Ziel gesetzt hat, den Mädchen eine Lebensperspektive zu geben, ist Elena Mereacre (MD). 

Elena Mereacre ist Anfang 50 und wohnt in Costesti, einem kleinen Dorf mit 12.000 Einwohnern, eine halbe Autostunde südlich der moldawischen Hauptstadt Chisinau. Sie hatte zwei Töchter groß gezogen und führte ein ruhiges Leben als Bibliothekarin. Geschichten von „Trafic“ (Menschenhandel) waren ihr nicht unbekannt, aber, als Minderjährige aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft verschwanden, entschied sie sich einzumischen. Sie fing an nachzuforschen, wo die Mädchen sich aufhielten, und sprach nach deren Rückkehr mit ihnen über ihre traumatischen Erlebnisse. Für gewöhnlich kommen die Mädchen aus armen Verhältnissen, sie haben keinen Schulabschluss und kaum Chancen, besonders in einem Land, das seit der Unabhängigkeit von der UdSSR in Jahr 1991 wirtschaftlich sehr leidet. Offiziell hat Moldawien 4.5 Millionen Einwohner, ungefähr ein Viertel davon soll aber das Land verlassen haben, um Arbeit im Ausland zu finden. Einige arbeiten auf spanischen Erdbeerfeldern oder auf russischen Baustellen, andere im Sexgewerbe, meistens illegal. Weit verbreitete Plakate in der Hauptstadt warnen die weibliche Bevölkerung vor Menschenhandel mit Aufrufen wie „Deine Würde liegt in deiner Hand – bewahre sie!“.

Elena Mereacre hat einen kleinen, aber für Costesti wertvollen Beitrag zu dieser Kampagne geleistet. Sie hat festgestellt, dass die Möglichkeit, als Einzelperson glaubwürdig aufzutreten, ziemlich begrenzt war. Darauf hin gründete sie vor ungefähr 6 Jahren den Verein „Kompasiune“, auf Deutsch „Mitgefühl“. Mit der Vereinsgründung war es dann möglich, sich Hilfe suchend an die Regierung, und an das Büro der Internationalen Organisation für Migration in Chisinau zu wenden und Sponsoren zu finden. Spenden kamen zusammen und mehrere Projekte wurden finanziert. Zunächst einmal war ihre Priorität, den Mädchen direkt beizustehen und zu helfen. Frau Mereacre organisierte Koch- und Nählehrgänge, um einen Einstieg in das Berufsleben zu ermöglichen. Leider kamen viele der Mädchen aus dem Ausland mit kleinen Kindern zurück.

 

Daher wurde vor 2 Jahren in Costesti das Kinderhaus eingeweiht, eine Heim- und Tagesstätte für 76 Kinder von Mädchen, die Zwangsprostituierte waren, Waisenkinder und Kinder aus armen Familien. Hier bekommen die Kinder die Möglichkeit zu spielen, zu lernen und eine warme Mahlzeit zu genießen. Mit Hilfe der deutschen Botschaft wurde ein weiteres Projekt realisiert, nämlich eine Kantine für ältere Leute. Die Durchschnittsrente in Moldawien ist unter der Armutsgrenze und beträgt ca. €20 im Monat. Das neuste Projekt findet in Zusammenarbeit mit der „Rumänischen Hilfe“ statt. Aufgebaut wird einen Viehzuchtbetrieb, in dem zunächst 10 Frauen Arbeit finden sollen, die Opfer des Frauenhandels waren. Ein Grundstück für eine Scheune sowie Futter wurden von dem Bürgermeister in Costesti zur Verfügung gestellt. Durch den Verkauf der Milch und des Fleisches wird sich das Projekt selbst tragen können.

Trotz ihrer Erfolge glaubt Elena Mereacre nicht daran, dass der Menschenhandel schnell aufhören wird. Solange die wirtschaftliche Situation in Moldawien sich nicht verbessert und die jungen Leute keine Lebensperspektive sehen, wird dieses Geschäft weiterhin florieren. Es ist kein Zufall, dass die Mädchen verschwinden. Dahinter steckt ein ganzes Netzwerk. Es gibt Leute, die Mädchen anwerben, Leute, die Personen- und Reisedokumente fälschen, und schließlich Leute, die den Transport organisieren.

Elena Mereacre ist eine bemerkenswerte Frau. Sie hat nicht nur ihren bequemen Lebensstil geopfert, um anderen zu helfen, sondern ist auch Kritik und fehlendem Verständnis ausgesetzt in einer Gesellschaft, die die Mädchen als stigmatisiert sieht. Für viele der missbrauchten Mädchen ist sie so etwas wie die Adoptivmutter, die ein offenes Ohr und praktischen Rat hat für die tagtäglichen Probleme.

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